Kirchenburg in Holzmengen, Foto: privat

 

Jahreslosung 2021

 

Jesus Christus spricht:

 

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Lk 6,36

 

 

 

Was war das für ein Jahr! Und: Wie wird das neue werden? Genauso? Gott behüte! Es wäre wirklich sonst unbarmherzig …

 

Oder haben Sie etwa im vergangenen Jahr 2020 Barmherzigkeit erlebt, davon gehört oder gelesen? Ein schrecklich altmodisches Wort in einer Welt, in der uns in einer nie zuvor erlebten Dichte täglich der Größenwahn begegnet, das Niedermachen von Anderen (die nicht so sind wie …), diese alle Regeln niederreißende „Ist mir doch egal“-Einstellung (Maskenpflicht!), Ignoranz und purer Egoismus – und die unsäglichen Bilder eines am Boden um Atemluft bittenden Afroamerikaners vom 26. Mai aus Minneapolis.

 

Lamentieren will ich nicht, auch keine Apokalypse an die Wand malen und von Weltunter­gang reden – das wäre viel zu einfach und führte auch wieder nur in Sackgassen. Stattdessen will ich mich von der Jahreslosung verweisen lassen auf einen ganz simplen Satz von einem, der viele solche simplen Sätze gesagt hat. Nur: Wer versucht, diese simplen Sätze wahr werden zu lassen, sie in der Lebensrealität umzusetzen, wird merken, dass da nichts mehr „simpel“ ist.

 

Die Jahreslosung führt uns ins offene Gelände, aufs freie Feld: Die sogenannte „Feldrede“ des Lukasevangeliums ist der Textzusammenhang, das Pendant zur besser bekannten „Bergpredigt“ des Matthäusevangeliums. Wie gesagt, ins offene Gelände, nicht von oben herunter, sondern auf gleicher Ebene: „Seid barmherzig, wie auch Gott barmherzig ist!“ Eine Aufforderung, die aber ein wenig schwach klingt im Lutherdeutsch der Jahreslosung. Werdet barmherzig, steht da eigentlich. Das ist ein Prozess, ein Einüben und kein fertiger Zustand oder ein Erinnern an etwas, das man schon einmal war. Werdet heißt: Macht euch auf den Weg, begebt euch auf die Spur, die Gott gelegt hat, werdet tatsächlich zu dem, was der Schöpfungsbericht so wunderbar vorgemalt hat: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde …“ (Gen 1,27) – und was der sog. „Sündenfall“ so fürchterlich verdreht verdeutlicht: „Ihr werdet sein wie Gott …“ (Gen 3,5). Das hat „der Mensch“ immer und zu allererst offenbar verstanden als Macht, und dann als Gewalt. Was anderes sonst bedeutet dieses ideologieverblendete Wort vom „Herrenmenschen“? Dann darf sich ein weißer Staatsvertreter – ob in den USA oder in Brasilien oder sonst wo – solange auf den Hals eines andersfarbigen Mitmenschen knien, bis dem die Luft zum Leben ausgeht?

 

Werdet barmherzig – und: Werdet barmherzig! Das zugrundeliegende griechische Wort kommt im Neuen Testament gerade einmal an einer Handvoll Textstellen vor. Der Evangelist Lukas greift mit dieser seltenen Vokabel auf eine Wesensbeschreibung Gottes zurück, mit der im Alten Testament die Einzigartigkeit des Gottes Israel beschrieben wird: Gott ist heilig, und Gott ist barmherzig – lesen Sie doch wieder einmal den wunderschönen Psalm 103, besonders den Vers 8! In aller Einzigartigkeit, als heiliger Schöpfergott, gehört zugleich das Erbarmen zum unverwechselbaren Wesen Jahwes dazu.

 

Unser deutsches Wort „erbarmen“ versteckt das Wörtchen arm in sich: „mit Mitgefühl erfüllen“ belehrt uns das „Wörterbuch der Deutschen Sprache“ über seine Wurzel. Und „barmherzig“ erklärt sich dann von selbst: Für das, was arm dran ist, einen Platz im Herzen haben; Mitgefühl haben; sich im Innersten bewegen lassen von dem, was klagt und jammert und bittet und „barmt“ um Leben und Würde und Achtung.

 

„Und ihr werdet sein wie Gott und werdet wissen, was böse und gut ist“, sagte die versucherische Stimme damals. Was für ein prophetischer Satz – wenn man ihn mit den Augen des Feld- und Bergpredigers liest: Sein wie Gott, Ebenbild des Heiligen … bedeutet: barmherzig werden; nicht richten oder verdammen, sondern vergeben; gerecht zumessen, „denn mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch zugemessen werden“. Das sind alles simple Sätze. So simpel, dass fast jeder davon wie eine goldene Regel wirkt – oder besser: wie eine Ausführung, eine Deutung hinein in den Rahmen, den die nicht nur im Christentum geläufige Goldene Regel aufzeigt: „Wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun, so tut ihnen gleichermaßen.“ So einfach – und dann eben doch nicht.

 

Mindestens 365 Tage lang!                                                       

Dr. Egbert Schlarb

 

 

 

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